Die Gewerkschaften im Wohlfahrtsstaat by Mark ˜van deœ Vall

By Mark ˜van deœ Vall

Es bedarf keiner Erorterung, dag die heutigen westlichen Gewerkschaften einen vollig anderen gesellschaftlichen Hintergrund haben als die friiheren Gewerkschaften des 19. Jahrhunderts. Diese waren Kinder ihrer Zeit; sie entsprachen den damals herrschenden kapitalistischen Verhaltnissen, der In dustrialisierung und dem Klassenkampf. Seitdem ist iiber ein Jahrhundert vergangen. Patriarchalisch geleitete Betriebe haben sich zu Grogindustrien entwickelt und iiber die ganze westliche Welt ausgebreitet, Immigration und Verstadterung haben neue Kulturmuster her vorgerufen, Kommunikationsmittel haben Lander einander naher gebracht, die Arbeiterschaft hat sich emanzipiert. Auch sozialpsychologisch unterscheidet sich die alte Kla sengesellschaft von der heutigen Statusgesellschaft 1 grund legend. Es entstand nach dem Zweiten Weltkrieg das wirtschaftliche und gesellschaftliche Gebilde des W ohlfahrtsstaates, der sowohl den Staat der modernen Wohlstandsgesellschaft (affluent society) einschliegt, wie den Staat der sozialen Sicherheit (welfare state). Gemessen am 19. Jahrhundert leben wir heute in einer neuen Gesellschaft. Auch die Gewerkschaftsbewegung konnte sich dem Wandel nicht entziehen. Makrosozial unterlag sie Veranderungen, die guy als Institutionalisierung bezeichnet. Sie entwickelte sich aus einer Oppositionsgruppe zu einer sozial integrierten establishment, die der Konfliktsphare des Streiks Verhandlungen vorzieht. Auch auf mikrosozialer Ebene - im Verhaltnis zwischen der Gewerkschaft und ihren Mitgliedern - ergaben sich Veranderungen objek tiver wie subjektiver paintings. Objektiv iibernahm die Gewerkschaft neue Ver pflichtungen gegeniiber ihren Mitgliedern, die neue Voraussetzungen schufen und zu ihrer Verwirklichung neuer Voraussetzungen bedurften.

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67 23 trieben sich noch eines relativ hohen Ma£es an Selbstandigkeit erfreuen, sind ihre Aufstiegsaussichten zur Betriebsfiihrung gering, und nur selten haben sie viele Untergebene. Direkte Kommunikation mit der Spitze ist auf dieser Ebene - insbesondere fiir die Jiingeren - ausgeschlossen 72. (c) Psychologische Ni vellierung Am starksten unterscheidet sich diese Kategorie in psychologischer Hinsicht von den iibrigen Arbeitnehmern. Auf Grund ihrer intensiven, langjahrigen Ausbildung identifizieren sie sich in hohem Ma£e mit ihrer Wissenschaft oder ihrem Beruf.

133 41 alter und durch Aufstiegsmoglichkeiten der Abwanderung der Arbeitnehmer zu begegnen 135. So werden Betrieb und Arbeitnehmer abhangiger voneinander. Daneben gibt es die subjektive Integration, die zwei Aspekte aufweist. Einerseits entwidtelt sich der Betrieb allmahlich in der Richtung eines unabhangigen Organs, in dem die externe Macht der Aktionare abnimmt und die teils aus den eigenen Reihen stammende interne Machtgruppe des Management sich leichter mit den Arbeitnehmern identifiziert. Es ist nicht unwahrscheinlich, daB die humaneren Auffassungen yom Faktor »Arbeit« und die Aufmerksamkeit fiir die Arbeitsmoral zum Teil Folgen hiervon sind.

Signet Books, 1961, S. 122/123. 108 36 die zahlreichen Studien in der modern en Gesellschaftslehre Uber Anomie und Entfremdung sind wahrscheinlich Reaktionen auf diese phanomene. Zusammenfassend konnen wir sagen, daB eine »basic personality« der Arbeiterbevolkerung des 19. Jahrhunderts, in der das KlassenbewuBtsein zur Entwicklung gelangte, die psychologische Voraussetzung fUr das Entstehen der westlichen Gewerkschaften bildete. Diese Gewerkschaften werden jedoch heute, im Wohlfahrtsstaat, mit einem neuen Menschentypus konfrontiert, in dem moglicherweise das Selbstbewufhsein zunimmt.

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